Sexuelle Bildung beinhaltet unglaublich viele Themen, die niemals alle in einen einzigen Workshop passen. Trotzdem versuchen wir jedes Mal, wenn wir in den steirischen Schulen gebucht werden, so viel wie möglich zu besprechen. Dabei geht es uns aber nicht nur um das, was wir als Sexualpädagog*innen als wichtig empfinden. Nein. Vor allem geht es uns um die Jugendlichen. Was beschäftigt sie eigentlich? Und das ist von Klasse zu Klasse ganz unterschiedlich.

liebenslust* arbeitet mit vielfältigen Gruppen.

Vielfalt bedeutet

  • Jungs, Mädchen, Jugendliche, die sich nicht eindeutig zuordnen wollen oder können,
  • Jugendliche, die gerade das erste Mal verliebt sind,
  • Jugendliche, die sich Katja Krasavice auf youtube ansehen und sich fragen, ob alle Erwachsenen so drauf sind,
  • Jugendliche, die schon mal über Internetpornografie gestolpert sind,
  • Jugendliche, die noch nie das Wort Menstruation gehört haben,
  • Jugendliche, die Gewalterfahrungen machen mussten,
  • Jugendliche, die gar keinen Bock haben über Liebe und Sexualität zu sprechen,
  • Jugendliche, die nach allen Informationen gieren, die sie zum Thema finden können.

Insofern verfügen wir über einen Pool an Methoden und Inhalten. Was in den fünf Schulstunden konkret passieren wird, bestimmen aber die Jugendlichen selbst. Sie sind die Expert*innen für ihre Lebenswelt. So fallen nicht nur Workshops unterschiedlicher Schulstufen anders aus, sondern auch verschiedener Klassen im selben Jahrgang.

Wir arbeiten immer zu zweit und teilen bei Bedarf auf. Je nach Bedürfnis der Schüler*innen. Manchmal passiert das schon nach der ersten Schulstunde. Manchmal haben wir über 30 Schüler*innen, die gebannt fünf Stunden lang unseren Worten im Sesselkreis lauschen. Manchmal ergeben sich Gruppen nach Geschlecht, manchmal nach Interesse. Manchmal sind Jugendliche untereinander zerstritten oder besonders eng befreundet und die Gruppen ergeben sich aus dieser Klassendynamik.

Besprochen wird vieles. Hier posten wir eine kleine Auswahl unserer Themenkärtchensammlung am Anfang von Workshops. Je nach Gruppe, beginnen wir damit, dass sich die Schüler*innen Karten zu Themen aussuchen, die sie besonders interessieren. Ein, zwei oder drei Kärtchen. Wir werfen sie alle auf einen Haufen, sortieren sie und beschließen dann vor Ort, wie wir die nächsten Stunden gestalten werden.

Viele Themenkarten

Manche Kärtchen – wie z.B. „mehr über meinen Körper lernen“ werden ganz selten gezogen, weil die menschliche Anatomie meist im Biologieunterricht bereits Thema war. Trotzdem bringen wir alle auf den gleichen Stand, damit wir VerhütungJungfräulichkeit aber auch Porno-Mythen fundiert besprechen können.

Liebe & Beziehungen

Jugendliche in manchen Schulklassen beschäftigt besonders das Thema Verliebtsein, wie man überhaupt mit jemanden zusammenkommt, wie Beziehungen aussehen können, wie mit Konflikten umgegangen werden kann. Sexualität ist dabei etwas, was öfter außen vor gelassen wird, weil es den Jugendlichen viel öfter um gemeinsame Werte, Vertrauen und Treue generell geht.

Sex in Filmen

Überhaupt ist manchmal der Stapel mit den „Mehr über Pornos und Sex in Filmen“-Kärtchen recht groß, weil es viele Fragen dazu gibt, ob das echt ist, ob man das können muss. Der Zugang zu pornografischen oder ähnlichen Inhalten (wie z.B. einschlägige youtube-Stars wie Katja Krasavice) ist für Jugendliche relativ leicht. Dass es eigentlich eine Altersgrenze gibt, die mit 18 Jahren festgelegt ist, hören viele erst im sexualpädagogischen Workshop zum ersten Mal. Auch warum diese Grenze existiert, ist ihnen oft ein großes Fragezeichen. Es kommen Fragen nach Anal- und Oralsex, weil ihnen diese Bilder bereits bei einfachen Google-Suchen begegnen. Sie wollen wissen, ob das zum „normalen“ Sex dazugehört und ob ihre Körper so ausschauen sollten, wie jene, die sie in Nahaufnahme teils schon gesehen haben. Nicht alle haben Pornos gesehen. Das ist auch gar nicht notwendig. Unsere Werbungen, Fernsehsendungen und Printmedien sind auch so voll mit dem Thema Sex. Das macht irrsinnig Druck. Die Aufgabe von Sexualpädagog*innen liegt dabei darin, unaufgeregt aufzuklären und zu entlasten. Pornos sind Fantasy-Action-Filme mit Drehbuch. Sexualität zwischen zwei erwachsenen Menschen, die miteinander schlafen möchten, schaut meist ganz anders aus.

Gewalt und Lösungen

Auch Themen „über Gewalt, Ehre, Streit und Lösungen“ brennen einige Jugendliche unter den Nägeln. Uns ist es besonders wichtig auf rechtliche Rahmenbedingungen für Sexualität hinzuweisen und zu verdeutlichen, was Konsens bedeutet. Niemand hat das Recht einen anderen auf sexuelle Weise zu berühren oder zu kontaktieren, wenn er*sie das nicht möchte. Diese Botschaft hören viele ebenfalls zum ersten Mal. Manchmal wird uns von unangenehmen Situationen aus dem Schwimmbad berichtet, manchmal von Nacktfotos, die den Jugendlichen ungefragt von unbekannten Personen zugesendet wurden. Wenn ein, zwei Jugendliche zu erzählen beginnen, folgen oft noch viele andere nach –  weil ihnen klar wird, dass es nicht ihre Schuld ist, und dass sie sich nicht dafür zu schämen brauchen. Gemeinsam werden Anlaufstellen und Personen besprochen, die weiterhelfen können. In vielen Schulen bietet die Schulsozialarbeit geeignete Ansprechpersonen. Aber auch mögliche Schritte, wie gerade mit Grenzüberschreitungen im Internet umgegangen werden kann, wirken unterstützend.

Verhütung

Verhütung“ ist in manchen Schulklassen ein besonders interessantes Thema, in anderen wiederum gar nicht. Wenn die erste Beziehung für viele noch in weiter Ferne gedacht wird, ist auch die Auseinandersetzung mit der Vielzahl an unterschiedlichen Verhütungsmitteln meist sehr abstrakt. Oft geht es dann viel mehr darum, welche Ärzt*innen eigentlich aufgesucht werden können, wenn es im Genitalbereich brennt und juckt. Infektionen können schließlich auch ohne sexuelle Kontakte entstehen. Auch fragen sich viele, was denn bei einer gynäkologischen Untersuchung genau passiert, und warum bei Burschen die Hoden bei manchen Untersuchungen abgetastet werden.

Was passiert danach?

Ihr seht schon, es gibt recht viel in diesen Workshop-Stunden zu besprechen. Manchmal sind wir danach auch ganz schön geschafft, weil wir so sehr mit Fragen gelöchert wurden.  Was Thema war und was eventuell in der Biologiestunde ruhig noch mal nachbesprochen werden kann, wird anschließend mit den zuständigen Lehrpersonen und Organisator*innen der Schulklassen reflektiert. Auch schriftlich holen wir uns das anonyme Feedback unserer Teilnehmer*innen.

 

Mit dem neuen Schuljahr 2017/18 startet nun auch wieder unsere „Hauptsaison“ und wir planen Workshops mit vielen Teilnehmer*innen. Das können wir nur darum tun, weil das Ressort der Landesrätin Ursula Lackner die finanziellen Möglichkeiten zur Verfügung stellt und damit diesen Beitrag zur Gesundheits- und Gewaltprävention durch die Förderung Sexueller Bildung leistet. Dafür sagen wir stellvertretend Dankeschön!

Allen, die ebenfalls nun in das neue Schuljahr starten, wünschen wir viel Freude und tolle Erlebnisse!