Um einen Artikel über Hate Speech zu schreiben, braucht man ganz schön dicke Haut.

Die Recherche nach Beispielen für Hate Speech auf Google ist keine einfache Angelegenheit und nach der Website, die 30 Jahre lang Zitate von Donald Trump gesammelt hat und den Beispielen auf Facebook, wo zu Gewalt gegen Frauen, Muslime, Homosexuelle und Kinder aufgerufen wird, brauche ich erst einmal eine Pause.

Es ist wichtig darüber zu sprechen. Wichtig, sich mit dem Phänomen Hate Speech auseinanderzusetzen, zu überlegen, wie wir Hate Speech erkennen und darauf reagieren können. Wichtiger aber noch ist es für uns wie so oft präventiv zu arbeiten, weil der Nährboden für Hate Speech schon lange vorher bereitet wird, bevor jemand verbal „austickt.“

Was genau ist „Hate Speech“ eigentlich?

Hate Speech, auf Deutsch auch als Hassrede bezeichnet, meint Äußerungen, die Einzelpersonen oder Gruppen auf Grund von bestimmten Eigenschaften demütigen, beleidigen oder Herabsetzen sollen und in vielen Fällen auch zu Gewalt gegen diese Personen oder Gruppen aufrufen.

Hate Speech ist nichts was zufällig passiert, sie ist mehr als eine Beleidigung oder eine ungeschickte Wortwahl. Hate Speech hat System und setzt bewusst auf die Herabwürdigung oder auch Zerstörung des Gegenübers.

Ein prominentes und Beispiel dafür war der „Shitstorm“ auf die Schriftstellerin Stefanie Sargnagel im Frühjahr 2017, der unter #babykatzengate im Netz bekannt wurde.

Wer ist betroffen?

Wer sichtbar ist, macht sich verletzlich. Für Frauen, Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe, nicht-heterosexuellem Begehren oder die sich generell gesellschaftlichen Klischees von Geschlechterrollenbildern entziehen, trifft diese Verletzlichkeit vermehrt zu. Besonders im Internet wirken verbale Angriffe noch heftiger, weil sie erstens für eine viel größere Zahl an Menschen sichtbar sind und das über einen langen Zeitraum.

Im Handbuch „Bookmarks. Bekämpfung von Hate Speech im Internet“ ist eine Online-Studie vermerkt, in der 78% der Befragten angeben, online regelmäßig auf Hate Speech zu stoßen. Die häufigsten drei Ziele waren dabei LGBT*-Menschen (70%), Moslems (60%) und Frauen.

Konkrete Beispiele dafür sind:

  • Frauenministerin Gabriele Heinsich-Hosek erntete einen shitstorm und ebenfalls Gewaltdrohungen, nachdem sie Andreas Gabalier via facebook auf den Text der Bundeshymne hinwies.
  • Angriffe auf Personen, die sich mit sexueller Vielfalt auseinandersetzen sind nicht selten; besonders wenn es Frauen sind. Die renommierte Forscherin Elisabeth Tuider wurde z.B. 2014 massiv bedroht und beschimpft, nachdem sie ein Handbuch mit sexualpädagogischen Methoden herausgegeben hatte.
  • Für eine Crowdfunding-Kampagne zur Analyse von Videospielen auf Geschlechterstereotype hin erhielt Anita Sarkeesian zahlreiche Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, ihre Online-Auftritte wurden gehackt uvm.
  • Der Guardian untersuchte, welche seiner Journalist*innen am meisten von hate speech in Form von Kommentaren betroffen waren. Von den 10 am stärksten Betroffenen waren 8 Frauen und zwei dunkelhäutige Männer. Zwei der Frauen und einer der Männer war homosexuell. Eine Person war von ihrem Glaubensbekenntnis her jüdisch, eine andere muslimisch.

 

Warum ticken Menschen so aus?

Hate Speech soll eine Machtdemonstration sein. Macht über eine Person oder eine Gruppe haben, diese damit machtlos machen. Sie lebt davon, dass sie wehrlos hingenommen und nicht in Frage gestellt wird.

Und hier zeigt sich auch, wie auf Hate Speech reagiert werden kann:

Speak up!

Keinen Millimeter Platz lassen für Hate Speech bedeutet konsequent dagegenhalten, egal in welchem Kontext.

Viele von uns sind auf Verständnis geradezu trainiert. Wir können verstehen, dass sich hinter frauenfeindlichen Aussagen eigentlich Angst verbirgt, dass Hass Homosexuellen gegenüber wohl auch etwas mit den eigenen (abgewehrten und unbewussten) homosexuellen Anteilen zu tun haben. Aus diesem Verständnis raus bleiben wir manchmal still. Wir sind im Mitgefühl, vielleicht sogar im Mitleid, mit der vermeintlich armen Person, die nicht anders kann, als sich so zu äußern. Und tatsächlich ist es oft so, dass Menschen die Hate Speech benutzen Mitgefühl bräuchten.

Unser Mitgefühl aber sollte den Menschen gelten, die attackiert werden. Sie sind es mit denen wir solidarisch sein sollten.

Wir können Täter*innen verstehen, aber das heißt nicht, dass wir Hate Speech verstehen müssen. Hassrede braucht kein Mitgefühl, sondern Gegenrede. Sie braucht ein Gegenüber, das sagt: Ich bin nicht machtlos. Sie muss als das entlarvt werden was sie ist, ein populistisches Machtinstrument, das der Erniedrigung dient.

Corinna Milborn hat dafür ein Exempel statuiert. Der Puls 4-Infochefin und Geschäftsleiterin wurde die sachliche Kritik an einem österlichen Werbesujet eines Unterwäscheherstellers von Extremsportler Felix Baumgartner abgesprochen, weil sie eine andere Figur als die Werbemodels habe. Soweit, so unlogisch. Da alle österreichischen Medien diesen „Schlagabtausch“, der in den Kommentarspalten von Facebook stattfand, aufgegriffen und publik gemacht haben, meldete sich auch Corinna Milborn selbst zu dieser Vorgehensweise zu Wort. Chapeau!

Aber ist das schon Hate Speech? Eine Drohung ist es tatsächlich noch nicht, aber ein Werkzeug des „Silencing“ – jemanden seine Stimme zu entziehen, indem er/sie auf einer persönlichen Ebene denunziert wird. Und das ist nicht wirklich anders als bei Sarkeesian, Sargnagel, Heinisch-Hosek, den Sport-Journalistinnen und Co. Wenn verbale Entgleisungen nicht salonfähig sein sollen, müssen Menschen auch schon früh genug einschreiten, um auf ein Diskussionsklima auf Augenhöhe hinzuweisen.

Handwerkszeug gegen Hate Speech

Wer aufstehen möchte gegen den Hass online und offline, dem*r legen wir folgendes ans Herz:

Was hat das mit Sexualpädagogik zu tun?

Sehr viel! In unseren Workshops sind wir mit Formen von Hate Speech konfrontiert. Schüler*innen die mit pauschalisierenden Aussagen Gruppen herabwürdigen: „Frauen wollen das doch sowieso.“ Und genau an diesem Punkt ist es an uns, ein Korrektiv herzustellen, gegenzureden, ohne Hass und moralische Belehrungen, sondern als Personen. Hate Speech hat den Zweck zu depersonalisieren. In dem Moment wo ich antworte: „Nein, Frauen wollen das nicht alle sowieso. Genau so wenig wie Männer es alle sowieso wollen. Oder irgendjemand. Und das, was du sagst, verletzt nicht nur viele Menschen, es verletzt auch mich als Person“, stelle ich Realität her. Ich biete der Person ein Gegenüber, keine anonyme und scheinbar wehrlose Masse.

Hate Speech geht uns alle an.

Wir alle sind, wenn nicht Opfer, dann zumindest Zuschauer*innen bei dem, was sich täglich online und offline abspielt. Es ist damit auch unsere Aufgabe uns dagegenzustellen: präventiv, unterstützend und dort, wo es notwendig ist auch konfrontativ.

Liebens- und Lesenswertes…