Wer sich in unseren Breitengraden neu kennenlernt, landet ziemlich schnell nach der Begrüßung bei der Frage nach dem beruflichen Background. Manche Menschen üben Jobs aus, bei denen alle gleich wissen worum es geht. Ihnen werden auch gerne und intensiv Fragen dazu gestellt. Ärzte und Ärztinnen zum Beispiel…(”Ich habs so mit der Verdauung, weisst du was ich da machen könnte?”) Andere wiederum geben nur allgemeine Beschreibungen von sich wie „Ich mach was mit Computern“, weil sie davon ausgehen, dass ohnehin niemand versteht, was der Unterschied zwischen Software-Programmierung, Systemadministration und 2nd-Level-Support beim Internetprovider ist. Auch da nicken dann viele wissend und stellen die eine oder andere Frage zum akuten Computerproblem am heimischen PC. („Mein Drucker macht so komische Striche aufs Papier, was kann ich da tun?“).

Und dann gibt es da noch unsere Berufsgruppe: die Sexualpädagog*innen.

Wenn wir gefragt werden, womit wir unseren Lebensunterhalt verdienen, erwartet uns meist eine der folgenden Reaktionen – hier unsere TOP 6:

 

Die Fluchtreflex-Reaktion: „…Interessant….“ – gefolgt von Stille oder Themenwechsel

„Und was machst du so?“
„Ich bin Sexualpädagogin.“
„…“ *erweiterte Pupillen, erstarrte Körperhaltung wie das Kaninchen vor der Schlange*
„Mhm, interessant.“ – kurze Pause – „Weißt du zufällig wie spät es ist?“

Nicht alle Menschen reden gerne über Sexualität. Das ist in Ordnung. Auch Sexualpädagog*innen verfügen selten über das Bedürfnis beim Small Talk mit gerade erst kennengelernten Personen sich darüber zu unterhalten, was im eigenen Schlafzimmer passiert. Das tun sie im beruflichen Kontext auch nicht. Zwar stellen junge Menschen immer wieder gern persönliche Fragen, doch diese werden selten im Detail beantwortet. Sexualpädagog*innen wahren ihre Privatsphäre genau wie andere Menschen auch. In der Regel ist es nicht das Ziel von Sexualpädagog*innen etwas über das Sexualleben des Gegenübers zu erfahren oder sich gar darüber zu unterhalten. Also no worries! Kein Grund zum Fürchten!

Beruflich sprechen Sexualpädagog*innen über Anatomie, Verhütung und Reproduktion (genauso wie Gynäkolog*innen, Urolog*innen und Hebammen) und VOR ALLEM AUCH über Liebe, Beziehungen, Pornos und Schönheitsideale und vieles mehr…

Privat stellen wir neuen Bekanntschaften auch eher selten Fragen wie „Und wie verhütest du?“, „Wie läuft’s denn bei euch im Bett?“. Wir fragen höchstens mal nach dem Tampon oder einer Binde 😉 Ganz normal wie andere Frauen auch.

 

Die Damals-im-Ferienlager-Reaktion: Details der Aufklärungsgeschichte, den verwendeten Verhütungsmethoden oder aus dem Sex- oder Liebesleben des Gegenübers

„Und was machst du jetzt eigentlich so? Wir haben uns ja ewig nicht gesehen!“ 
„Ich bin Sexualpädagogin.“
„Ah wirklich, Sexualpädagogin? Das ist ja spannend. Ich hab damit ja überhaupt kein Problem. Und ich muss auch sagen, die Vasektomie hatte überhaupt keinen Einfluss auf das Sexleben von Tante Hilde und mir.“

Ganz egal, ob es sich um die eigene Verwandtschaft handelt, lose Bekanntschaften, dem Installateur oder der behandelnden Ärztin: Manchmal brechen alle Dämme und die Menschen haben das Gefühl, bei der Bekanntgabe des Berufs „Sexualpädagog*in“, endlich jemanden zum Reden gefunden zu haben. So werden eigene Verhütungsmethoden evaluiert, herzzerreißende Liebesgeschichten erzählt, schlüpfrige Witze zum besten gegeben oder Anekdoten über frühere Wissenslücken auf diesem Gebiet. Hier sei angemerkt: Offenheit finden viele Sexualpädagog*innen ziemlich gut. Manchmal kann es ihnen aber auch ein bisschen zu viel werden. Denn am Amt, auf einer Hochzeit, bei der Fahrrad-Reparatur oder beim Rock-Konzert möchte nicht jede*r gleich intime Details von Menschen erfahren, die er*sie gerade erst kennengelernt hat. Andere wiederum steigen ganz gern aufs Thema ein. Im Zweifelsfall wir immer im Leben: einfach vorher nachfragen :-)

Die Expert*innen-Reaktion: Sexualpädagogik wird mit Sexualtherapie verwechselt

„Ich bin Sexualpädagogin.“
„Ah, super. Ich hätt‘ da eh eine Frage. Mit welchen Themen kommen denn da die meisten Leute zu dir in die Beratung?“

Einige Menschen haben schon mal davon gehört, dass es Beratungen zum Thema Sexualität gibt. Deshalb wollen sie dann recht schnell wissen, mit welchen Problemen die Menschen zu uns kämen. Allerdings beraten Sexualpädagog*innen keine Einzelpersonen, sondern vermitteln verschiedene Themen der Sexuellen Bildung im Gruppen-Setting.

Um als Sexualberater*in tätig zu sein, wir eine spezielle andere Ausbildung vorausgesetzt. Sexualberater*innen geben konkrete Tipps und Hilfestellungen zum Umgang mit bestimmten Situationen. Manchmal betrifft das die sexuelle Orientierung, für andere geht es eher um gesundheitliche Fragen, andere wiederum möchten jemanden ihr Herz ausschütten zu einem Thema, das mit Liebe und Sexualität zu tun hat und andere tun sich einfach schwer über Sex zu sprechen.

Manche Menschen nehmen auch eine Sexualtherapie in Anspruch. Hier geht es dann wirklich um die konkrete Arbeit an einem Problem, dass sich auf das Sexualleben auswirkt. Die Ursachen dafür können körperlich oder psychisch sein. Sexuelle Funktionsstörungen wie Impotenz oder Lustlosigkeit wären ein Beispiel für die Inanspruchnahme einer Sexualtherapie.

Was machen dann Sexualpädagog*innen? Aufklärungsworkshops, Elternbildung, Erwachsenenbildung, interne Teamfortbildungen, gewaltpräventive Konzepte, uvm. Sowohl für Sexualpädagogik, Sexualberatung und Sexualtherapie gibt es unterschiedliche Ausbildungen, weil es unterschiedliche Berufe sind – genau wie bei Elektriker*innen, Elektrotechniker*innen oder Mechatroniker*innen.

Klingt langweilig? Tja, in unserem Beruf stecken viele Facetten – auch die #unaufgeregt, unspektakulär sind.

 

Die Zu-mir-oder-zu-dir-Reaktion: „Da kann ich ja noch was von dir lernen…“*zwinker*zwinker*

„Na, was machst du so?“
„Ich bin Sexualpädagogin.“
„Oh la la. Da kannst du mir sicher noch was beibringen… schnurr“

Diese Reaktion könnten wir entweder als Anbahnungsversuch deuten oder auch als Unsicherheit.  Beides ist durchaus okay. Wir können die Aufregung gut nachvollziehen. Sexualpädagog*innen trifft eine*r schließlich nicht alle Tage und Sexualpädaogog*innen sind durchaus auch sehr attraktiv ;-). Trotzdem sind Menschen, die professionell Sexualpädagogisch arbeiten statistisch nicht häufiger interessiert an One-Night-Stands, schlechtem Essen, Affären, polyamourösen Verbindungen und Flirts wie alle anderen Berufsgruppen auch. Sorry! Auch Elektriker*innen begeistern sich nicht alle im außertourlichen Maß, auch wenn sie sie zum Leuchten bringen können.

 

Die Shades-of-Grey-Reaktion: Musterung von oben nach unten und wieder zurück.

„Na, was machst du so?“
„Ich bin Sexualpädagogin.“
Ein Blick der verrät: *rrrawr* gefolgt von einem verschmitzten Lächeln, Augenzwinkern, besonders lässige Körperhaltung

Vermutlich stellt sich das Gegenüber die Sexualpädagogin gerade in einem völlig neuen Outfit vor.

…oder so ähnlich. Auf jeden Fall kennen wir diesen Blick :) Darf auch sein. Trotzdem sind wir nicht verruchter als der Durchschnitt der Bevölkerung und wir tragen auch keine „spezielle“ Arbeitskleidung. Wir sind ganz normale Menschen, die unaufgeregt über Themen der Sexuellen Bildung sprechen, wie andere über Darmspiegelungen, den Holzverbau oder verstopfte Abflüsse. Sexuelle Bildung macht uns allerdings mehr Spaß 😉

 

 

Die #unaufgeregte-Reaktion: Begeisterung

„Was machst du beruflich?“
„Ich bin Sexualpädagogin.“
„Oh wie cool! Das ist so eine wichtige Arbeit,……“ Kurzes Gespräch beginnt.

Zugegeben diese Reaktion erhalten Sexualpädagog*innen sehr selten, wenn ja ist es sehr schön. Endlich wirft uns einem jemand keinen Blick zu, als hätten wir uns in einen grünen Marsmenschen mit Glupschaugen verwandelt. Meistens kommt diese Reaktion von Personen, die im medizinischen Bereich oder die mit Jugendlichen arbeiten, mit Menschen mit Behinderungen oder pflegebedürftigen Personen. Wir freuen uns natürlich darüber, wenn jemand bereits weiß, was Sexuelle Bildung bedeutet und wir uns übers Fachliche statt ganz Persönliche unterhalten können.

 

Wir fassen zusammen:

Sexualpädagog*innen sind wie Kriminalbeamte: Unauffällig, nicht an der Kleidung erkennbar, halten sich genauso gerne bedeckt wie andere, wenn es um ihr Sexualleben angeht (haha, kleiner Wortwitz). Sie freuen sich, wenn ihre Arbeit wertgeschätzt wird und wollen aber nicht bei jeder Gelegenheit drüber reden. Vor ihnen braucht niemand Angst zu haben, sie wollen auch gar nichts im privaten Kontext wissen, und  auch im pädagogischen Setting ist ihnen Konsens wichtig. Sie behandeln keine Störungen und wer mit ihnen Flirten möchte: Viel Glück! 😛

 #unaufgeregt über Sexuelle Bildung sprechen; weil sie uns am Herzen liegt.

Ein Tipp zum Nachlesen – Dr. Karlheinz Valtl hat genau darüber auch in einem Vortrag gesprochen. Dieser ist nachzulesen >> HIER <<


Liebens- und Lesenswertes…