„Immer noch der gleiche Mensch – nur vielleicht noch etwas glücklicher“

In unserem täglichen Leben gehen ja viele von uns davon aus, dass es nur zwei Geschlechter, nämlich Frauen und Männer gibt,  und auch davon, dass sich alle Burschen wie Burschen fühlen und alle Mädels wie Mädels. Klingt für viele absolut selbstverständlich, ist es aber überhaupt nicht. Mittlerweile verwendet mensch dafür den Begriff „cis“. Cis sind Menschen, deren zugewiesenes Geburtsgeschlecht und ihre Geschlechtsidentität übereinstimmen. Für diejenigen, bei denen das nicht so ist, gibt es schon länger den Begriff trans*. (Auch in der Chemie gibt es Cis- und Transverbindungen. Die einen sind starr, die anderen beweglich. )

Was ist eigentlich Trans*?

Wenn die empfundene Geschlechtsidentität einer Person nicht mit dem biologischen Geschlecht übereinstimmt, sprach das Fachpersonal früher von Transsexualität. Lange Zeit wurde der diagnostische Prozess von der Frage dominiert, ob eine Person transident sei oder nicht. Inzwischen hat sich in diesem Diskurs zweierlei getan:

  • Wir sprechen heute treffender von Transidentität, weil das nichts mit der sexuellen Orientierung einer Person zu tun hat und auch nicht damit, ob sie sich körperlich operativ verändern möchte. Der Begriff Transidentität legt den Schwerpunkt auf die Selbstwahrnehmung.

  • Der Fokus liegt zunehmend auf der Geschlechtsdysphorie, also auf der als belastend erlebten Unvereinbarkeit von Identitätserleben und geschlechtstypischer körperlicher Erscheinung.

Konkret und ganz ohne Fachvokabel ausgedrückt bedeutet das:

Nicht alle Menschen, die bei ihrer Geburt das Geschlecht „Mädchen“ oder „Burschen“ zugewiesen bekommen, fühlen sich wohl mit dieser Geschlechtsidentität. Für manche ist das eine Phase in ihrem Leben, für andere ist dies ein lang anhaltendes Gefühl und eine tief empfundene Gewissheit. Das „Problem“ dabei entsteht eigentlich erst dann, wenn diese Menschen spüren, dass sie in ihrem Umfeld nicht so sein dürfen oder können, wie sie sein wollen.

„Eigentlich wusste ich es schon immer: ich bin ein Mädchen. Ich hab mich erst später getraut, das zu sagen, aber gewusst habe ich es eigentlich schon immer“.

Ab wann wird einem*r das eigentlich bewusst?

Transident empfindende Menschen fühlen oftmals sehr früh, dass sie anders sind als andere, dass sie etwas von den anderen in ihrem Alter unterscheidet.

  • Einige können ihr Thema sehr früh und sehr klar verbalisieren, andere brauchen längere Zeit, um sich vor sich selbst zu outen.
  • Anderen ist es aufgrund kultureller Überzeugungen und der Zugehörigkeit zu einer Community nur sehr eingeschränkt möglich, ihr Identitätsgefühl frei zu leben.
  • Manchen fehlt schlichtweg der Zugang zu der Information, dass es so etwas wie Transidentität überhaupt gibt und finden deshalb nicht die passenden Beschreibungen.

„Ich dachte immer, ich sei schwul. Ich hatte einfach noch nie etwas von Transidentität gehört. Als ich 16 war, hab ich eine Doku im Fernsehen gesehen und da wusste ich dann: das ist es.“

„Ich dachte immer, ich bin beziehungsgestört oder so. Wenn ich verliebt war und eine Beziehung hatte, dann kamen für mich die Probleme: ich hatte einfach überhaupt nicht den Körper, der zu meinem Empfinden passte.“

Transidentität bedeutet aber nicht immer, dass ein Mensch sich in Bezug auf seine*ihre Identität als klar weiblich oder männlich empfindet und sich körperlich klar vom einen zum anderen Geschlecht hin verändern will. Einige Menschen erleben sich auch als „in between“, empfinden sich also als „weder weiblich noch männlich“ oder beides zu gleichen Teilen. Die Begriffe „queer“, „gender-queer“ oder „gender fluid“ werden diesem Empfinden teilweise gerecht.

Klingt kompliziert, oder? Keine Sorge, das sind jetzt keine gängigen Begriffe der Alltagssprache. Das muss mensch nicht aus dem Ärmel schütteln können. Aber wenn’s so sein soll: In Kürze werden wir auch dazu mehr schreiben. Versprochen.

Wie gehen Eltern damit am besten um?

Zusätzlich zu einem Inting (also dem Coming Out vor sich selbst) stehen transidente Kinder und Jugendliche auch vor der Herausforderung, sich vor ihrer Familie und ihren Freund*innen zu outen.

„Wie kann das sein? Was haben wir falsch gemacht? Wir haben auch schon einen Hormonstatus erheben lassen, da hat sich gezeigt, dass mit ihm alles in Ordnung ist – hormonell.“

Viele Eltern von transident empfindenden Jugendlichen oder jungen Erwachsenen teilen die Sorge, etwas falsch gemacht zu haben. Diese stellt eine doppelte Belastung dar:

  • Die Eltern suchen nach Gründen und finden keine
  • Bei den Kindern kommt die Botschaft an: „Mit mir ist irgendwas ganz gewaltig nicht in Ordnung und ich bereite meinen Eltern unglaublich viel Sorge und Kummer“.

Die Suche nach einer Antwort auf die Frage: „Warum mein Kind?“ ist eine, auf die die Biologie uns keine Antwort gibt. Transidentität hat weder etwas mit unserem Chromosomen-Satz zu tun, noch ist sie durch einen Hormonstatus bedingt oder hängt mit unserer körperlichen Geschlechtsentwicklung zusammen. Es geht einzig und allein um die tief empfundene Gewissheit einer Person, männlich, weiblich, beides oder keines davon zu sein.

Ja, es ist schwierig zu begreifen, dass es Menschen gibt, die wir als Mädchen wahrnehmen und mit fester Überzeugung wissen, sie sind eigentlich ein Junge. Vor allem, wenn in der eigenen Lebenswelt noch keinerlei Kontakte mit diesem Thema bestanden.

„Ich weiß, dass es für meine Eltern und Geschwister schwer zu begreifen ist, vielleicht werden sie das auch nie ganz tun, aber ich bleibe immer noch der gleiche Mensch: nur bin ich jetzt vielleicht noch etwas glücklicher.“

Eine Familie, die transident empfindenden Menschen in der Zeit ihres Outings beisteht, ist eine tolle Ressource, auf die viele zurückgreifen können. Es geht nämlich oft nicht darum, riesige Schritte zu tun.

„Ich habe keine Angst davor, was andere sagen, auch wenn wir am Land leben, wo viele das nicht verstehen oder eben nicht kennen. Das ist mein Kind und ich will, dass es glücklich ist, ob als mein Sohn oder meine Tochter ist mir dabei egal. Ich bin schon manchmal traurig, dass mein Sohn jetzt zwar nicht mehr „da sein“ wird, aber ich krieg dafür eine Tochter, wer hätte das gedacht?“

Wohin wende ich mich am besten?

Glücklicherweise gibt es in Österreich kompetente Anlaufstellen für transident empfindende Menschen und deren Familien und Freunde, um sich in schwierigen Zeit Unterstützung zu holen. Die Beratungsstelle COURAGE gibt es mittlerweile in Wien, Graz, Innsbruck und Salzburg.

Das wichtigste jedoch ist: Sie sind nicht alleine! Es gibt viele transident empfindende Personen und Familien mit transident empfindenden Kindern. Durch den engen Kontakt mit transidenten Kindern und Jugendliche wird einem selbst schnell bewusst, dass nicht das Kind sich ändern muss, sondern die eigenen und gesellschaftlichen Überzeugungen. Das Geschenk, das wir als Gesellschaft durch einen veränderten Zugang erhalten, ist ein wunderbares: Wir erleben, dass sich diese – oft hoch sensiblen und intelligenten – Kinder unermüdlich von ihrer inneren Integrität leiten lassen und uns und der Welt jeden Tag aufs Neue zeigen, wer sie sind.

Wer mehr über die Lebensrealitäten von transidenten Menschen wissen möchte, sollte auf jeden Fall unsere Weiterbildungen im Frühjahr 2017 im Auge behalten. Vormerken kann man sich auch gerne schon jetzt! Schreibt uns einfach an hallo@liebenslust.at

Einige Filme zum Nachschauen:

Mehr zum Nachlesen:

Kluge, Norbert (2013): Der Mensch- ein Sexualwesen von Anfang an. In: Schmidt, Renate-Berenike & Sielert, Uwe (Hrsg.): Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung. Weinheim: Beltz Juventa, 2., erweiterte Auflage, S. 71 – 79.

Brill, Stephanie & Pepper, Rachel (2011): Wenn Kinder anders fühlen. Identität im anderen Geschlecht. Ein Ratgeber für Eltern. München: Reinhardt.

Liebens- und Lesenswertes…