Sexpositiv ist irgendwie ein komischer Begriff. Das klingt so, als müsse es auch sexnegativ geben. Oder als wäre Sex generell etwas Negatives. Ist es nicht, auch wenn wir die Augen vor den Schattenseiten nicht verschließen. Dennoch wird und wurde gerade Pornografie stark mit ihren negativen Auswirkungen und Rahmenbedingungen diskutiert. Allen voran die Kampagne PorNO, die einen sehr starken Fokus auf die Gewalt an Frauen in diesen Genres hat und die stark hierarchischen und ausbeuterischen Verhältnisse thematisiert.

Demgegenüber steht eine sexpositive feministische Bewegung (seit den 80ern) als Antwort auf antipornografisch orientierte Feministinnen.

Was bedeutet sexpositiv nun?

Im Grunde geht es um die Vorstellung, dass sexuelle Freiheit auch ein Teil der weiblichen Bestrebungen nach Gleichberechtigung sein sollte. Gleichzeitig werden alle Einschränkungen von einvernehmlichen sexuellen Aktivitäten zwischen Erwachsenen abgelehnt. Insofern wird auch aktiv an alternativen pornografischen Materialien gearbeitet, die sowohl die menschliche Vielfalt in jeglicher Form zeigen, aber auch andere(nicht-ausbeuterische) Rahmenbedingungen schaffen, als es in der Mainstream-Pornografie der Fall ist. Unter diesem Fokus werden jährlich auch immer wieder Porno-Macherinnen bei den PorYes-Awards gekürt.

Was hat liebenslust* mit Pornos zu tun?

Als Zentrum für Sexuelle Bildung treten wir mit vielen Menschen, besonders Jugendlichen in Kontakt. Der Zugang zu Pornografie ist heute ein ganz anderer als noch vor 15 Jahren. Viele haben bereits erste Pornoclips (willentlich oder zufällig gesehen) lange bevor sie ihr „Erstes Mal“ erleben. Den einen gefällt was sie sehen, andere sind verwirrt und irritiert. Oft können sich Jugendliche schwer vorstellen, wie dieser pornografische Sex in einer Liebesbeziehung lebbar ist. Obwohl auch hier Drehbücher, Schnitt und Maske am Werk sind, wird oft geglaubt, es handle sich um eine Dokumentation von „realem“ Sex. Was sollen wir nun tun als Sexualpädagogen*Sexualpädagoginnen? Sollen wir Pornos verbieten? Sollen wir sagen, dass sie schlecht sind? Sind sie überhaupt schlecht?

Michaela Urabl, Obfrau und Mitarbeiterin des Vereins liebenslust* fasst ihre Gedanken zum Wort „sexpositiv“ ganz gut zusammen:

Sexpositive Sexualpädagogik

„Als ich über den Begriff „sexpositiv“ nachdenke, bekomme ich zufällig gerade ein Foto von meiner lieben Kollegin aufs Handy geschickt. Sie ist gerade am „workshoppen“ in einer zweiten NMS-Klasse.

Es handelt sich um ein Brainstorming-Plakat zum Thema „Liebe, Sex und so…“. Darauf lese ich Worte wie „Herz, Liebe, knutschen“, oder „Schlampe, Puff, Titten“, aber auch „hardcore, Muschihaare, twerking“. Die scheinbar obligatorische Trias „oral, anal, vaginal“ ist bei solchen Plakaten fast immer dabei.

Ich lächle in mein Handy hinein, weil ich mir gut vorstellen kann, was meine Kollegin jetzt mit diesem Plakat machen wird. Sie wird beginnen zu fragen, was die Kids unter den Begriffen so verstehen, was sie bedeuten könnten. Sie wird neugierig zuhören und dort, wo es Unsicherheiten, Scham und Ratlosigkeit gibt, wird sie beginnen, die Anatomie anhand unserer tollen, selbstgebastelten und bunten Materialien erklären.

sexpositiv-2Sie wird Fragen zu Pornos und Stellungen genauso behutsam beantworten, wie auch Fragen zum ersten Mal verliebt sein. Weil sie weiß, dass all diese Fragen in der Jugendzeit total wichtig sein können, wenn sie gerade brennen.  Ja, das trifft es für mich recht gut: sexpositiv!

Aufrichtige Neugier und aufklärerische Ehrlichkeit, ohne etwas vertuschen zu wollen, oder den Jugendlichen die Wahrheit nicht zuzumuten – in dem Wissen, dass Sexualität etwas Aufregendes und Schönes sein kann, aber auch ganz schön Angst machen kann, wenn mensch mit seinen*ihren Fragen allein gelassen wird.
Das ist für mich sexpositiv.“

Text: Michaela Urabl, Katja Grach (Team liebenslust*)

 

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Liebens- und Lesenswertes…

Vielfalt verwirrt?!?

Derzeit fragen wir uns bei liebenslust*: Ist Vielfalt verwirrend für Kinder und Jugendliche? Ist die Tatsache, dass es nicht nur Menschen gibt, die als eindeutige Frau oder eindeutiger Mann auf die Welt kommen, zu viel Info für einen Workshop, der 5 Stunden dauert?...