Kommentar von Dr. Karlheinz Valtl und liebenslust* 

Die Gesellschaften Mitteleuropas sind im Mainstream heute liberaler als je zuvor, insbesondere in Bezug auf Sexualität. Noch nie hatten die Menschen einen so großen Spielraum in der Entfaltung ihrer sexuellen Identität wie derzeit. Seit einigen Jahren aber formieren sich abseits des Mainstreams Gruppen, die gezielt das Thema Sexualität benutzen, um diese epochale Liberalität anzugreifen. Denn: In keinem anderen Bereich ist die Gesellschaft so leicht zu verunsichern wie in diesem – moral panic works. Es geht diesen Gruppen nicht um Sexualität (diese ist für sie nur ein Dispositiv), sondern um weit mehr: Sie wollen die offene Gesellschaft an einem ihrer empfindlichen Punkte treffen.

Rechtspopulistische Gruppierungen in Deutschland haben das seit einigen Jahren erkannt und auszunutzen gelernt. Statt nur gegen den Euro oder religiöse „Überfremdung“ zu polemisieren – was ideologisch leicht zu durchschauen ist –, attackieren sie nun die emanzipatorische Sexualpädagogik und Initiativen zur Geschlechtergerechtigkeit. Sie verbreiten dazu irreführende Behauptungen und Falschmeldungen, mobilisieren über Demonstrationen und Onlinepetitionen weitgehend uninformierte Bevölkerungsschichten und schüren gezielt ein Klima der Verunsicherung und Angst. Dadurch gewinnen sie einen Einfluss, der in keinem Verhältnis zur Größe der Gruppierung und zur Kraft ihrer Argumente steht.

Aktuell werden auch in Österreich Fachbegriffe wie „Gender-Ideologie“ und „Sexualpädagogik der Vielfalt“ sinnentstellend als Kampfbegriffe gegen emanzipatorische Sexualpädagogik missbraucht, und Weihbischof Laun sieht in aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen in Richtung Geschlechtergerechtigkeit gar ein „Werk des Teufels“. Rechtspopulistische Akteure, die sich bereits in Deutschland für eine Beschneidung der Lehrpläne zu Sexualerziehung stark machten (mit Slogans wie „Demo für Alle – Ehe und Familie vor! Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder“), rufen jetzt auch in Österreich mittels Online-Petitionen und -Plattformen zum Widerstand gegen zeitgemäße Broschüren und engagierte Initiativen für aufgeklärte Sexuelle Bildung auf. Von einer „steuerfinanzierten Sexualisierungswelle“ ist hier die Rede – defunding als erprobte Kampftaktik zur Aushöhlung der engagierten Zivilgesellschaft wird dahinter als Ziel sichtbar.

Die Argumentationslinien und medialen Mittel derer sich die Akteure dabei bedienen, sind nicht neu, sondern wiederholen sich wie in den Jahren zuvor. Das renommierte Institut für Sexualpädagogik (isp) in Dortmund, das vor einigen Jahren massiv von dieser Gruppierung angegriffen wurde, nahm die Attacke damals zum Anlass für eine differenzierte Analyse dieser Vorgänge und der dahinter stehenden Netzwerke. Das Ergebnis ist auch für Österreich besorgniserregend:

Hinter den lautstarken, aber sachlich unhaltbaren Angriffen steht eine Reihe von Personen und Netzwerken, die sich wie ein Who is who der rechtskonservativen Szene liest:

Es handelt sich um eine kleine, aber gut vernetzte und intransparente Koalition aus traditionalistischen Teilen der Freiheitlichen Partei Österreich sowie in Deutschland der Alternative für Deutschland (AfD), fundamentalistischen katholischen und evangelikalen Kreisen sowie den dazugehörigen Onlineportalen. Sie geben vor, breite Schichten zu vertreten, wenn sie mit Plattformen wie „Kath.net“ oder „Kreuz.net“ sowie (etwas elaborierter in der Argumentation) mit „sexualerziehung.at“ im Namen religiös-konservativer Werte sprechen oder wenn sie mit der Initiative „Besorgte Eltern“ als Sprachrohr scheinbar aller elterlichen Besorgnis auftreten. Dabei sind die Akteure mehrheitlich keine ExpertInnen für Sexualwissenschaft oder -pädagogik, sondern JournalistInnen und AgitatorInnen, die diese Themen nutzen, um politisch Einfluss zu gewinnen.

Entsprechend dürftig sehen ihre Argumentationsstrategien aus, deren Grundbausteine Verschwörungstheorien und Begriffsverdrehungen sind. So heißt es, der Kieler Universitätsprofessor Uwe Sielert – der im deutschen Sprachraum und darüber hinaus führende Wissenschaftler zu Sexualpädagogik und sexuelle Bildung – habe seine Anhänger in die Welt geschickt, um gezielt eine kinderschädigende Sexualpädagogik zu verbreiten und renommierte Fachorganisationen wie pro familia, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) oder gar die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu unterwandern! Ein skurriler Vorwurf, der soliden wissenschaftlichen Diskurs als Verschwörung diffamiert und der durch ein Bedrohungsszenario die Angst schürt, Sexualerziehung fördere sexualisierte Gewalt und führe zum Ende der klassischen Familie, wenn sie Kindern ihre angeblich noch nicht vorhandene Sexualität zugestehe und nicht am fundamentalchristlichen Familienbild ausgerichtet sei.

Weiterhin werden Themen und Fachbegriffe aus dem Zusammenhang gerissen, uminterpretiert und gebetsmühlenartig wiederholt: Wenn im Unterricht über Gendervielfalt, unterschiedliche Lebensweisen und sexuelle Orientierungen gesprochen wird, so wird dies als „Indoktrinierung“ bezeichnet. Wenn sexuelle Bildung rechtzeitig aufklärt und zu Selbstbestimmung befähigt, wird dies als eine „Frühsexualisierung“ diffamiert, welche Kinder vorgeblich zu Selbstbefriedigung dränge und schon im Vorschulalter mit Gang-Bang, Dildos und Analverkehr konfrontiere. Ein absurder Vorwurf, denn es geht in der sexuellen Bildung im Gegenteil gerade darum, Kinder und Jugendliche stark zu machen gegen unangemessene Beeinflussungen und Bedrohungen von außen sowie für eine selbstbestimmte Entwicklung gemäß der eigenen Bedürfnisse, Werte und Einsichten.

Diese dreisten Entstellungen könnten ignoriert werden – wären da nicht die verbündeten Medien und sozialen Netzwerke, die die Halbwahrheiten und Falschmeldungen schnell und in einer Weise verbreiten, durch die die Diffamierungen nicht mehr als solche zu erkennen sind.

Was können wir in dieser Situation tun? Die wissenschaftlich fundierte Sexualpädagogik hat derzeit v.a. die Möglichkeit, den „sekundären Diffamierungsgewinn“ zu nutzen. Dieser besteht darin, dass ihr Thema aktuell in der Öffentlichkeit präsent ist, und sie hat nun die Aufgabe, über zeitgemäße sexualpädagogische Konzepte aufzuklären, diese zu begründen und ihren Nutzen für die Gesellschaft verständlich zu machen. Auf diesem Weg hat sie auch die Chance, die Strategien ihrer Gegner zu entlarven als das, was sie sind: populistische Parolen, die nicht auf eine ernsthafte Auseinandersetzung über die Sachverhalte zielen, sondern auf eine demagogische Verunsicherung der Bevölkerung zum Zwecke einer Destabilisierung der offenen Gesellschaft.

Autor*innen: Karlheinz Valtl & Verein liebenslust*

Dr. Karlheinz Valtl ist Senior Lecturer am Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität Wien und Autor zahlreicher Publikationen zu sexueller Bildung.

Verein liebenslust* ist Kompetenzzentrum für Sexuelle Bildung und Gesundheitsförderung in Graz

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