Hitzig sind sie, die Gespräche und Debatten über #metoo. Und das zurecht. Sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt sind Themen, die aufregen, die sprachlos und betroffen machen und die gleichermaßen nach wie vor im Verborgenen besprochen werden, was #metoo eindeutig sichtbar macht. Was für die einen Teil des Alltags ist und einen traurigen Normalitätszustand erreicht hat oder mit unglaublicher Scham besetzt ist, ist für andere wiederum kaum nachvollziehbar.

Im Sinne der Sexuellen Bildung sehen wir die Präsenz dieser Themen in der Öffentlichkeit sehr positiv. Es braucht eine breitenwirksame Auseinandersetzung, um Gewaltprävention nicht nur im Kleinen zu betreiben.

Denn: Sexuelle Belästigung ist ein System, das den Nährboden für sexualisierte Gewalt bereitet.

Wie wir miteinander umgehen, ist das Ergebnis unserer Erlebnisse und Erfahrungen sowie daraus gewonnene Erkenntnisse. Wir alle können über unsere Handlungen reflektieren. Menschen, die immer wieder die Grenzen anderer überschreiten, ohne Konsequenzen zu erleben, lernen für sich, dass ihr Verhalten okay ist. Im ersten Moment darf das schon mal vor den Kopf stoßen, wenn nun jemand darauf hinweist, dass etwas als übergriffig erlebt wird. Nichts desto trotz bietet sich dabei für uns alle ein großes Lernpotential. Denn auch Menschen, die erleben, dass ihre Grenzen überschritten werden (und evtl starr vor Schreck waren und dann vor Scham und Schuldgefühlen schweigen) brauchen oftmals Anreize von außen, sich zu äußern.

Jugendliche, mit denen wir in unseren sexualpädagogischen Workshops arbeiten, fragen nach, möchten informiert werden und darüber diskutieren: Was ist Flirten, was ist Belästigung, was ist strafbar? Immer wieder werden uns persönliche Geschichten und Situationen erzählt, bei denen klar wird, dass die Grenzen eben fließen sind und oft vom subjektiven Empfinden abhängen. Erst durch Aufklärung und Information werden für einige (strafrechtliche) Grenzen deutlich. Und das ist auch eine Stärke von #metoo.

Gerade durch die tausenden Postings von Menschen verschiedener Länder und Milieus wird deutlich, dass es sich um keine Einzelfälle handelt, sondern um ein gesellschaftliches Problem: Wie gut kennen wir eigentlich unsere Grenzen und die von anderen? Darüber wird nun heftig diskutiert. Gleichzeitig melden sich immer mehr Personen, auch z.B. Lehrlinge bei Beratungsstellen, weil sie durch die öffentliche Debatte merken, dass die Art und Weise wie sie gerade auch im Berufsleben behandelt werden, absolut nicht professionell und in Ordnung ist.

 

Verwirrungen und Verirrungen in der öffentlichen Diskussion

Nachdem die Schauspielerin Alyssa Milano über die Social Media – Plattform Twitter im Rahmen der Weinstein-Affäre zur Solidarität aufgerufen hatte, um das wahre Ausmaß darüber aufzuzeigen, folgten Tausende ihrem Aufruf. Ursprünglich stammte die Idee für die prägnante Aussage #metoo von Tarana Burke, die bereits vor 10 Jahren daran arbeitete, ein Netzwerk zwischen Betroffenen sexualisierter Übergriffe aufzubauen. Als gesteuerte Kampagne war #metoo nie gedacht. Der Hashtag verbreitete sich ebenso spontan wie ein Lauffeuer, wie es auch 2013 der Hashtag #aufschrei im deutschen Sprachraum getan hatte.

Doch aufgrund der vielen verschiedenen Erfahrungsberichte wurde die Debatte medial durchaus wirr. Verschiedene Erlebnisse stehen unter demselben Hashtag nebeneinander, bezeichnen einerseits klare Straftaten, andererseits unangenehme zwischenmenschliche Situationen, die zwar nicht alle strafrechtlich relevant, aber eben auch im kollektiven Erfahrungsschatz angeklungen sind.

Wie immer in emotional geführten Debatten ärgerten sich auch so manche User*innen darüber: “#metoo, das geht mir schon so auf die Nerven!”. Neben pauschalen Anfeindungen und Abwertungen, die es in solchen Kampagnen in sozialen Netzwerken leider immer wieder gibt, macht sich durchaus auch Verwirrung breit: Geht es jetzt eigentlich um sexualisierte Gewalt? Geht es um Belästigung und/oder sexuelle Belästigung und wo sind die Grenzen? Geht es um Übergriffe oder um herrenwitzige Komplimente und was ist eigentlich der Unterschied? Geht es darum, dass sich die einen über die anderen auslassen wollen, um eine dumpfe Kampagne?

#weDo!

Wir sehen in jedem Fall große Chancen für uns und unsere heranwachsenden Generationen – um dieses Rad nicht immer wieder neu zu erfinden. Wir sind uns ganz sicher: es wird in jedem Fall besser, wenn wir solche Debatten wie #metoo achtsam führen. Und wer weiß, vielleicht haben nachfolgende Generationen dann schon ein riesiges Repertoire an Witzen, über die alle* lachen können und die nicht auf Kosten anderer gehen.

#metoo_strauss

Quelle > diestandard.at

Wir finden in den Diskussionen sehr viele ganz wunderbare Grundsatzfragen, beispielsweise

  • Wie wollen wir unser Zusammenleben gestalten?
  • Was können wir alle dazu beitragen?
  • Wie können nachfolgende Generationen von uns lernen, was es bedeutet, Grenzen wahrzunehmen, aufzuzeigen, ernst zu nehmen?
  • Wie kann ein respektvolles Miteinander aussehen?

Wenn wir unsere gesellschaftliche Verantwortung uns und unseren Kindern und Jugendlichen gegenüber ernst nehmen, werden wir eine respektvolle Art und Weise finden, miteinander diskutieren zu können.

Für Veränderung braucht es öffentliche Debatten

Dabei sollten wir nicht vergessen, dass die Gesetzgebungen, die es zu sexualisierten Gewaltformen gibt, noch relativ jung sind.

  • Erst seit 2016 sind sexuelle Belästigungen in der Öffentlichkeit in Österreich strafbar, die im Arbeitsrecht schon längst als strafbar galten. Mit sehr viel medialem Aufgebot wurde damals aufgrund eines Anlassfalls diskutiert, ob ungefragtes Po-Grapschen in jedem Fall indiskutabel sei.
  • Auch der Strafbestand der Vergewaltigung wurde mit der Gesetzes-Novelle 2016 verändert, durch die Erkenntnisse aus der Traumaforschung. Vorher mussten Opfer körperliche Abwehr leisten, bzw. auch Täter*in Gewalt anwenden. Mittlerweile ist dies mit dem Paragraph um die Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung klarer geregelt.
  • Auch der Bundesrat in Deutschland billigte 2016 endlich diese Änderung nach dem aufsehenerregenden Fall rund um Gina-Lisa Lohfink, bei dem eine Vielzahl von Personen sich im Netz unter #teamginalisa zu Wort gemeldet hatten. Die Grenzen sind nicht für alle Menschen klar, auch nicht von Gesetzes wegen. Erst weil wir Missstände aufzeigen, werden Gesetze verändert.

Was wir daraus machen, ist unsere gesellschaftliche Verantwortung

Unsere Gesetzgebung regelt, dass wir alle gleich sind. Diese Freiheiten in einer Gesellschaft bringen Verantwortung mit sich. Denn was wir daraus machen, ist unsere gesellschaftliche Verantwortung.

#metoo_hamann

Quelle > Falter.at

Betroffene von sexualisierter Gewalt und sexueller Belästigung haben unterschiedliche Strategien erlernt, wie sie mit übergriffigem Verhalten umgehen können. Es gibt Frauen und Männer, Burschen und Mädchen, die NEIN sagen können. Es gibt auch Betroffene, die in einer übergriffigen Situation in Schockstarre verfallen oder die nie gelernt haben, dass sie ein übergriffiges Verhalten auch als solches wahrnehmen und aufzeigen dürfen. Keine dieser Reaktionen ist besser, schlechter, emanzipierter oder feministischer. Sie sind alle menschlich.

Da wir alle unterschiedlich sind, gibt es kein Rezept dafür, welches Verhalten in welcher Situation angebracht ist. Es gibt Situationen, in denen wir uns gesellschaftlich schnell einig sind, es gibt aber auch solche, in denen Menschen verunsichert sind. Diese Unsicherheit ernst zu nehmen, ist ein erster Schritt. Die Selbstverantwortung zu stärken, dass diese Unsicherheiten respektvoll angesprochen werden, wäre ein zweiter.

Übergriffiges Verhalten im Alltag ist Nährboden für sexualisierte Gewalt. Prävention bedeutet unter anderem, dass wir Übergriffe sichtbar machen, sie ansprechen, die Gefühle Betroffener anerkennen, zuhören, Solidarität bekunden, klare Grenzen setzen, Möglichkeiten aufzeigen und gemeinsam Anker setzen, an die sich Menschen erinnern können, falls sie wieder in grenzwertige Situationen kommen.

Wir stehen für eine unaufgeregte Sexuelle Bildung der Vielfalt im Sinne der Präventionsarbeit für uns und nächste Generationen. 

Liebens- und Lesenswertes…