Jungfräulichkeit ist immer wieder ein Thema in unseren Jugendworkshops. Wer ist eine Jungfrau, was passiert beim ersten Mal? Wie ist das genau mit dem Jungfernhäutchen? Es gibt kaum ein einen Bereich der Sexualität, um den sich so viele Mythen ranken und so viele Falschinformationen von Generation zu Generation weitergetragen werden. Darum möchten wir hier mit ein paar Klischees aufräumen:

Was ist eigentlich eine Jungfrau?

Tja, das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Der erste Gedanke dazu könnte sein, dass das jemand ist, der*die noch keinen Sex hatte. „Jungfräulichkeit“ basiert  ja auf der Idee, dass sich irgendetwas physisch oder ideell verändern muss, wenn jemand Sex hat. Gleichzeitig ist darin die Idee verankert, dass Sex automatisch (vaginaler) Penetrationssex sei.

…moment mal…sind dann gleichgeschlechtlich liebende Menschen auf ewig Jungfrauen? Ist dann jemand der*die Analsex hat aber keinen vaginalen Penetrationssex auch Jungfrau? Was ist wenn ich schon mal Oralsex hatte? Können dann Männer überhaupt Jungfrauen sein?

Jungfräulichkeit und Geschlecht = Beziehungsstatus: Es ist kompliziert.

Jungfräulichkeit ist meist heteronormativ gedacht. Heteronormativ bedeutet, dass davon ausgegangen wird, dass das Begehren von Männern und Frauen sich aufeinander bezieht (heterosexuell), und dass das der Norm entspricht. Verkürzt gesagt gibt es, was die Jungfräulichkeit betrifft meist eine klare, geschlechtsspezifische Wertung:  Jungfräulichkeit & Weiblichkeit ist irgendwie „gut“; Jungfräulichkeit & Männlichkeit ist irgendwie nicht so „gut“.

Die Bezeichnung „Jungfrau“ wird allgemein für Personen verwendet, die (noch) keinen Sex hatten. Obwohl das Wort „Frau“ darin vorkommt, wird es oft unabhängig vom Geschlecht der betitelten Person verwendet. Sind damit gezielt nur Frauen gemeint, werden in der Diskussion darüber verstärkt die Wertungen zur Jungfräulichkeit sichtbar. Auch wenn es genauso für Männer viele Ideen dazu gibt wie/wo/wann/wie intensiv sie sexuelle Erfahrungen machen sollten, gibt es gerade für Frauen und Mädchen besonders viele davon.

Manche meinen, es wäre besser nur unter bestimmten Voraussetzungen/Umständen Sex zu haben, nur mit bestimmten Personen oder auch nur auf bestimmte Art und Weise. Andere glauben sogar, aufgrund der sexuellen Erfahrung einer Person ein Werturteil über diese Person treffen zu können. (Sichtbar wird dies zB an den Fragen, die Betroffenen sexualisierter Gewalt vor Gericht gestellt werden hinsichtlich ihres sexuellen Vorlebens. In der Öffentlichkeit besonders deutlich wurde diese „Glaubwürdigkeitsfrage“ beim Fall Gina-Lisa Lohfink 2016).

Es ist oft davon die Rede, Jungfräulichkeit könne „verloren“ gehen oder irgendjemandem „geschenkt“ werden. Andere wollen sie gerne „loswerden“. Fakt ist, dass es vielen Menschen sehr wichtig ist, OB und mit WEM sie Sex haben. Unabhängig davon, ob es das erste Mal ist. So gibt es viele Bilder und Mythen, die um „das Erste Mal“ gesponnen und weitergegeben werden. Eine dieser „Mythen“ ist das Jungfernhäutchen.

Das Märchen vom Hymen

Hymen oder Vaginalkorona, oft irreführend auch „Jungfernhäutchen“ genannt, meint eine dünne Gewebefalte- oder einen -kranz, durch den Teile des Vaginaleingangs verdeckt oder umrahmt werden können. Die Größe und Form ist dabei so verschieden wie die Menschen. Das Hymen ist meist sehr elastisch und kann sich beim Aufnehmen mit der Vagina mitdehnen. Deshalb können weder Frauenärzt*innen noch sonst jemand, aus medizinischer Sicht sicherstellen, ob eine Frau schon vaginal-penetrativen Sex hatte, oder eben nicht. Das Hymen bleibt ein ganzes Leben lang.

Dass die Vaginalöffnung damit ganz verschlossen ist, ist die absolute Ausnahme und kommt nur sehr selten vor. Diese Variante wird dann als „Hymenalatresie“ bezeichnet und muss operativ geöffnet werden (wenn diese Person menstruiert, kann sonst das Blut nicht abfließen).verschiedene Arten von Hymen

Auch ist „Jungfernhäutchen“ als Begriff in zweierlei Hinsicht ein irreführender Name, da es weder Auskunft über die sexuelle Erfahrung einer Person gibt, noch ein „Häutchen“ ist. In Schweden wurde z.B. bereits 2009 der Begriff „Vaginalkorona“ (schwedisch slidkrans, wortwörtlich „Scheidenkranz) geprägt um dieses Körperteilchen besser zu benennen. Wie Hymen übrigens wirklich aussehen, kann sich eine*r hier anschauen (Link ab 18 Jahren) oder hier (jugendfrei).

Das Wissen um diese Vielfalt ist leider nicht so weit verbreitet wie die Mythen und Ideen, die damit verknüpft sind.

Was nicht stimmt… von Einhörnern und Gütesiegeln

Zwar glaubt niemand daran, dass es Jungfrauen für das Einfangen von Einhörnern braucht, oder dass ihre Tränen oder andere Körperflüssigkeiten irgendwelche magischen Fähigkeiten besitzen, trotzdem halten sich einige anderen Mythen und Ideen hartnäckig.

Viele Menschen denken eine Vaginalkorona fälschlich als eine Art „Siegel“, welches mehrfach Auskunft darüber gibt, dass eine Person noch nie etwas in ihrer Vagina aufgenommen hat. Begleitet von Schmerzen und etwas Blut beim ersten Penetrationssex, würde dieses „Siegel“ dann beschädigt oder ganz entfernt und ab sofort wäre sicht- und fühlbar ein Unterscheid bei allen weiteren Malen festzustellen.

In manchen Kulturkreisen und religiösen Ansichten spielt gerade diese Annahme eine große Rolle. Oft wird ein „intaktes“ also unverletztes Hymen als Beweis für die voreheliche Keuschheit einer Frau gewertet. Eine „echte“ Jungfrau müsse daher bei Penetrationssex bluten. Es gilt für „anständige“ Frauen sichtbare Beweise wie Blutflecken auf Bettlaken oder ärztliche Gutachten zu erbringen.

In manchen Kulturen und Zeiten galt das „Entjungfern“ auch als gefährlich für Männer und daher übernahmen das Frauen und Mädchen oft selbst mit einem Gegenstand oder es wurden bestimmte Personen für das Erste Mal vorm Ersten Mal ausgewählt.

Es KANN sein, dass das Hymen oder andere Teile der Vulva und Vagina bei Penetrationssex verletzt werden. Und es KANN sein, dass es dabei einige Tropfen Blut gibt. Diese Erfahrung machen aber weniger als die Hälfte der Frauen und Mädchen, die ihr Erstes Mal erleben. Bei sehr vielen passiert beides nicht. Und trotzdem ist es ihr „erstes Mal“.

Was nicht passt wird passend gemacht

  • Deshalb gibt es sogenannte „Hymenalrekonstruktionen“ die das Hymen oder umliegendes Vaginalgewebe so verengen, dass es bei Penetration verletzt wird und blutet, um diese kulturellen und sozialen Erwartungen zu erfüllen.
  • Eine andere Möglichkeit bieten künstliche Hymen, in die etwas Kunstblut eingearbeitet ist. Diese Membranen lösen sich bei Körpertemperatur und -flüssigkeit langsam auf und können so die erwarteten Tropfen Blut liefern.
  • Andere stechen sich einfach in den Finger.

Aber: Warum etwas faken, was es so gar nicht gibt? Um sich Ärger zu ersparen. Um sich der Diskussion nicht auszusetzen. Um nicht die eigene Glaubwürdigkeit zu gefährden. Um nicht gegen Windmühlen anzutreten. Es gibt viele gute Gründe. Und genauso viele, lieber zu informieren, als etwas zu produzieren. Wenigstens DAS soll jede Frau, die in einer solchen Situation ist selbst bestimmen können.

Aber warum gibt es überhaupt das Hymen, wenn nicht für die Jungfräulichkeit?

Im Mutterleib haben wir alle sogenannte Schutzhäutchen über verschiedene Körperöffnungen, wie z.B. Ohren, Nase, Augen, Vagina. Diese Häutchen bilden sich mit der Geburt zurück. So auch das Hymen.

Generell herrscht aber noch immer Uneindeutigkeit, wozu es das Hymen überhaupt gibt.

  • Manche Wissenschaftler*innen vermuten, dass es im Säuglingsalter die Vagina vor Schmutz und Keimen schützen soll.
  • Andere sagen, dafür sei es lediglich pränatal geeignet, weil es danach ja sowieso eine Öffnung hat.
  • Wieder andere glauben, dass es lediglich ein evolutionäres Überbleibsel sei, das keinen Zweck mehr erfülle.

Aber auf keinen Fall ist es ein Keuschheitsindikator.

Ein kleiner Reality Check:

  • Können Männer auch „Jungfrau“ sein? – Ja.
  • Kann irgendjemand z.B. ein Arzt oder eine Ärztin an meinem Hymen feststellen, ob ich Sex hatte? – Nein.
  • Ist mensch nach dem Oralsex noch Jungfrau? – keine Ahnung. Bestimmen sollen das ausschließlich diese Personen selbst. „Ab wann“ etwas als Sex zählt und ob sich jemand selbst als Jungfrau empfindet und ob sie*er sich selbst so bezeichnen möchte kann nur jede*r für sich selbst bestimmen.
  • Wenn ich masturbiere, bin ich dann noch Jungfrau? – Dasselbe wie oben. Auch ob jemand Sex mit sich selbst als „Sex“ empfindet ist individuell.

Jungfräulichkeit ist eine gesellschaftliche Konstruktion, die nicht den vielfältigen Körper- und Lebens- und Liebensrealitäten von Menschen entspricht. Das Hymen übrigens schon…

Und das erste Mal?

Es gibt viele erste Male. Oft ist nicht so klar, dass es viel mehr als nur das eine „Erste Mal“ gibt. Das erste Mal sehen. Das erste Mal küssen. Das erste Mal berühren. Das erste Mal verlieben. Das erste Mal Sex mit einer bestimmten Person. Erste Male können aufregend sein. Mensch kann sich darauf freuen, sich davor fürchten oder es kann ganz anders sein als vorgestellt.

Warum soll gerade das erste Mal Sex im Leben das wichtigste aller „ersten Male“ sein?  😉

Liebens- und Lesenswertes…

Vielfalt verwirrt?!?

Derzeit fragen wir uns bei liebenslust*: Ist Vielfalt verwirrend für Kinder und Jugendliche? Ist die Tatsache, dass es nicht nur Menschen gibt, die als eindeutige Frau oder eindeutiger Mann auf die Welt kommen, zu viel Info für einen Workshop, der 5 Stunden dauert?...