Die olympischen Sommerspiele 2016 sind vorbei und ließen nicht nur mit sportlichen Erfolgen aufhorchen, sondern auch mit einer Menge gebrochener Tabus, sexistischer Berichterstattung und viel Diskussionsmaterial, bei dem Sexuelle Bildung nahtlos anknüpfen kann.

Beispiele gefällig?

Homosexualität sichtbar machen

Noch nie haben so viele Athleten*Athletinnen an den Olympischen Spielen teilgenommen, die sich öffentlich als homosexuell geoutet hatten. Insgesamt 50 Sportler*innen und 3*Trainer*innen listet die Seite outsports.com, die sich dem Sichtbarmachen von LGBTIQ-Sportler*innen widmet. Bei den Paralympics waren es 11. Eine Frau machte ihrer Partnerin und Rugby-Spielerin gar auf dem Feld in den Augen der Öffentlichkeit einen Heiratsantrag.

Warum dieses Outen so nötig ist? Weil in vielen Ländern der Welt Homosexualität unter Strafe gestellt oder als widernatürlich bezeichnet wird, Menschen mit nicht-heterosexueller Orientierung immer wieder offen diskriminiert werden und teils sogar homo- und transphoben Hatecrimes zum Opfer fallen. Auch die Selbstmordrate unter homosexuellen Jugendlichen ist aus den genannten Gründen um ein vielfaches höher, als bei heterosexuellen Jugendlichen. Oft werden nicht-heterosexuelle Personen sogar mit ihrer sexuellen Orientierung erpresst. Nun könnte mensch sagen, dass das Sexleben privat ist und niemanden etwas angeht. Nun ja, Fotos von Partner*innen auf dem Bürotisch, gemeinsame Auftritte als Paar in der Öffentlichkeit sind jedoch auch nicht gerade unüblich, wenn es um heterosexuelle Personen geht. Warum also unsichtbar werden? 

Die meisten geouteten Sportler*innen sind übrigens Frauen. Schwule Männer haben nach wie vor mit mehr feindlichen Reaktionen zu rechnen. Vielleicht gibt es zu denken, dass das „Team LGBT„, wie die Athleten*Athletinnen im Netz genannt werden,  immerhin 14 Medaillen eingeheimst hat.

Wenn wir schon beim Sichtbarmachen sind:

  1. 2016 waren erstmals knapp die Hälfte der teilnehmenden Athleten*Athletinnen Frauen (45%). Vor 20 Jahren waren nur etwa ein Drittel der Sportler*innen weiblich.
  2. Athletinnen sind auch Mütter. 9069 mal wurde dieses Bild von einer stillenden Sportlerin auf facebook geteilt.

3. Menstruation ist eine Tatsache (auch bei Sportlerinnen)

Die chinesische Schwimmern Fu Yuanhui eröffnete in einem Interview, in dem sie über den 4. Platz in einem Bewerb sprach, dass sie am Vortag ihre Periode bekommen habe und sich müde fühlte, was aber keine Entschuldigung für ihre Performance sein soll. Damit hat sie eine breite Diskussion angestoßen. Zig-tausende Male wurde nach den Begriffen „Fu Yuanhui Periode“ auf dem in China populären sozialen Netzwerk Weibo gesucht. Das Besondere: Die Verwendung von Tampons im Wasser. In China ist bislang Werbung für diese Art der Monatshygiene verboten, weil befürchtet wird, dass Frauen mit der Verwendung von Tampons ihre Jungfräulichkeit verlieren. Dabei hat das Jungfernhäutchen weder etwas mit Sex zu tun, und verdeckt in sehr wenigen Fällen nur einen größeren Teil der Vagina.

Nun soll jedenfalls das erste Unternehmen in China damit beginnen, Tampons herzustellen.

Sexismus ist, wenn Frauen über Kleidung und ihren Beziehungsstatus definiert werden

Schlagzeilen machten die Beachvolleyballerinnen Doaa Elghobashy und Nada Meawad weil sie nicht nur einen Burkini anhatten, sondern Elghobashy ein Kopftuch trug. Interessant wäre aber zum Beispiel auch gewesen, dass die beiden das erste ägyptische Team sind, dass zu Olympia angetreten ist. Möglich war dies, weil nun endlich die Bikinivorschrift gefallen ist. Für männliche Teilnehmer galt diese natürlich bislang nicht. Auch Kopfbedeckungen sind/waren hier nie Thema. Wie unterschiedlich die Standards für Sportbekleidung sind, zeigt auch dieser Beitrag.

Wenn wir schon über Geschlechterrollenbilder sprechen:

Interessant für viele Reporter war außerdem, mit wem erfolgreiche Medaillengewinnerinnen verheiratet oder von welchem Trainer sie gecoacht werden. Die Ungarin Katinka Hosszú holte beispielsweise Gold im 400 m Schwimmen, gelobt wurde von einem NBC-Moderator dafür ihr Mann und Trainer.

Corey Cogdell trat bereits 2008 und 2012 für die USA im Sportschießen an, und holte dieses Jahr bei den Olympischen Spielen ihre zweite Bronze-Medaille. In einer Schlagzeile des Chigaco Tribune über sie tauchte zwar der Verweis auf ihren Ehemann, einen Football-Spieler der Chicago Bears auf, ihr eigener Name aber nicht. Wir würden mal sagen: Beziehungsstatus: irrelevant.

Bleibt immer noch die Referenz auf einen männlichen Sportler

Wie wärs damit, wenn wir Christian Ronaldo als „Serena Williams des Fußballs“ bezeichnen? Klingt ziemlich blöd, oder? Simone Biles als „Michael Jordan des Turnens“ zu bezeichnen, die vier Gold-Medaillen und 1 Bronze-Medaille geholt hat, kommt Reportern*Reporterinnen aber nicht komisch vor. Auch für Ausnahmesportlerinnen wie Kathleen Genevieve Ledecky, die schon einige Weltrekorde im Schwimmen aufstellte, scheint dies für normal. Statt ihre Rekorde zu würdigen, wird sie ständig mit männlichen Kollegen verglichen – entweder mit Namensverweis oder dem Satz „swims like a man.“ Tja, wer wie ein Mann schwimmt, hat offensichtlich alles richtig gemacht. Wer wie ein Mädchen schwimmt, läuft, wirft…wissen wir eh, ist nicht so toll. Solange Geschlecht gerade im Sport so unterschiedlich besetzt ist, tragen solche achtlosen Vergleiche nur zu mehr Ungleichheit bei.

Wann ist ein Mann ein Mann?

Männer sind stark, weinen nicht, Aggression ist ihre Emotion. Soweit, so bla bla. Bei den Olympischen Spielen – wie auch bei anderen Sportveranstaltungen ist das vergessen. Endlich dürfen sich alle abbusseln, umarmen und Freude zeigen. Das ist offensichtlich noch immer so spektakulär und besonders, dass Artikel eigens über diese „bromance“ veröffentlicht werden.

Transgender-Athleten dürfen übrigens ohne Einschränkung an Männerbewerben teilnehmen, auch wenn sie sich keiner geschlechtsangleichenden Operation unterziehen. Das besagen die neuen Regeln des IOC (Internationale Olympischen Komitee). Bislang vor kurzem war das anders.

Und wann ist eine Frau ein Mann?

Der menschliche Körper ist vielfältig. So vielfältig, dass medizinisch gesehen auf 5 verschiedenen Ebenen Geschlecht definiert wird. Für den Sport scheint dies ebenfalls von Relevanz. Nirgendwo ist Testosteron wichtiger als dort. Und so werden Frauen mit besonders herausragenden Ergebnissen gerne demütigenden Tests unterzogen, die ihre Geschlechtszugehörigkeit „beweisen“ sollen.
Dutee Chand, eine indische Sprinterin, die eine Regelung der International Association of Athletics Federations (IAAF) anfechten musste, damit sie (und andere) dieses Jahr überhaupt an den Olypmischen Spielen teilnehmen durften, ist kein Einzelfall. In einer langen Geschichte von „sex tests“ zuvor wurden immer wieder Sportlerinnen ausgeschlossen oder ihnen Medaillen wieder abgenommen. Darunter Stella Walsh, Helen Stephens, Ewa Klobukowska, María José Martínez-Patiño, Santhi Soundarajan, Caster Semenya.

Die Begründung: Ein zu hoher Testosteronlevel sei unfair für die anderen weiblichen Teilnehmerinnen.  Die  IAAF forderte operative Eingriffe oder die Einnahme von hormonsenkenden Mitteln. Dutee Chand fechtete diese Entscheidung vor Gericht an und gewann. Doch das Gericht empfahl der IAAF auch – obwohl es anerkannte, dass es nicht nur zwei Geschlechter gibt – eine klare Grenze zwischen Männern und Frauen in ihren Standards zu setzen. Bei den Olympischen Spielen 2020 werden dann vermutlich wieder einige Athletinnen ausgeschlossen werden.

Trans*Frauen müssen übrigens zwar keine geschlechtsangleichenden Operationen mehr vorweisen, aber ebenfalls einen dauerhaft niedrigen Hormonlevel nachweisen.

So demütigend die Chromosomen-, Testosteron-Tests und Untersuchungen der inneren und äußeren Genitalien sind, so deutlich macht die öffentliche Diskussion, dass Intergeschlechtlichkeit etwas absolut normales ist und Menschen eben vielfältig sind. Ob „körperliches“ Mann-Sein allerdings zum Sieg reicht, ist fraglich. Caster Semenya holte dieses Jahr Gold, Duntee Chand schied in der ersten Runde mit dem 50. Rang aus.

Sexuelle Bildung ist notwendig, weil sie Ungerechtigkeiten aufdeckt, Tabus entlarvt und zeigt, dass Menschen, und ihre Körper, sexuellen Orientierungen und Identitäten vielfältig sind.

Im Sport wird dies umso deutlicher, weil mensch nicht vereinheitlichen kann, was nicht einheitlich ist. Vermutlich müssten wir Leistungssport generell neu denken, um flächendeckendes fair play zu garantieren.

Wenn wir nun über Themen der Sexuellen Bildung sprechen wollen, müssen wir nicht über Verhütung reden oder schummriges Licht. Die Olympischen Spiele 2016 bieten genug Gesprächsstoff für gesellschaftlich relevante Themen.

 

Liebens- und Lesenswertes…

Landtagssitzung 16.5.2017

Durchs Reden kommen die Leut zsamm… In der Sitzung des Steirischen Landtags vom 16.5. wurde über liebenslust* gesprochen. Unter dem Agendapunkt Nummer 4 wurden unsere Landtagsabgeordneten – auf Anfrage der FPÖ – aufgefordert darüber abzustimmen, ob...